Ihre Hände sind das wichtigste Werkzeug in der Pflege. Sie waschen, lagern, verbinden,
reichen Essen an und trösten. Und ganz nebenbei sind sie das meistgebuchte Reisebüro
für Keime im ganzen Haus. Was Ihre Hände anfassen, das reisen die Keime gerne mit,
gratis und ohne Gepäckkontrolle.
Bevor wir uns anschauen, wie Sie dieses Reisebüro schließen, klären wir kurz,
worum es überhaupt geht. Denn die Zahlen dahinter sind größer, als die meisten
vermuten.
WAS IST EINE NOSOKOMIALE INFEKTION?
Eine nosokomiale Infektion ist eine Infektion, die im Zusammenhang mit der
medizinischen oder pflegerischen Versorgung entsteht. Der Begriff stammt aus dem Griechischen:
nosokomeion heißt Krankenhaus. Entscheidend ist der zeitliche und sachliche
Zusammenhang: Die Infektion war bei der Aufnahme weder vorhanden noch in der
Anbahnung. Sie ist also nicht mitgebracht, sondern im Haus entstanden.
Im internationalen Sprachgebrauch spricht man heute meist von
healthcare-associated infection, kurz HAI. Der Grund für die neue
Bezeichnung: Diese Infektionen entstehen längst nicht nur im Krankenhaus. Auch im
Pflegeheim, in der Tagespflege, in der Dialyse und in der ambulanten Versorgung ist das
Thema dasselbe.
SPRACHHINWEIS
Der Begriff Patient steht in diesem Kurs stellvertretend auch für
Bewohner und Klienten. Die Regeln der Händehygiene
gelten in Klinik, Pflegeheim und ambulanter Versorgung gleichermaßen. Ein Keim
interessiert sich nicht dafür, welches Schild an der Eingangstür hängt.
DIE ZAHLEN FÜR DEUTSCHLAND
Das Robert Koch-Institut schätzt für Deutschland rund
400.000 bis 600.000 Fälle pro Jahr, mit etwa
10.000 bis 20.000 Todesfällen. Diese Zahlen stammen aus einer
Hochrechnung, nicht aus einer vollständigen Meldestatistik. Sie geben also eine
Größenordnung an, keine exakte Jahresbilanz.
Die gute Nachricht steht direkt daneben: Je nach Studie gelten etwa
20 bis 30 Prozent dieser Infektionen als vermeidbar. Und das wirksamste
Mittel dagegen halten Sie am Ende Ihrer Arme.
Wie häufig das im Alltag tatsächlich ist, zeigt die europäische
Punktprävalenzerhebung. Dabei wird an einem einzigen Stichtag gezählt,
wie viele Patienten gerade eine Infektion haben. In der deutschen Erhebung von 2022 waren das
4,9 Prozent der erfassten stationären Patienten. Anders gesagt: An einem
beliebigen Tag hat ungefähr jeder zwanzigste Patient im Haus eine
versorgungsassoziierte Infektion.
| Infektionsart | Anteil | Bezug zur Händehygiene |
|---|---|---|
| Postoperative Wundinfektion | 23,5 % | Verbandwechsel ist eine aseptische Tätigkeit |
| Infektion der unteren Atemwege | 21,6 % | Absaugen, Inhalation, Trachealkanülenpflege |
| Harnwegsinfektion | 19,0 % | Katheterpflege und Umgang mit dem Ableitungssystem |
Auffällig ist: Bei allen drei Häufigsten führt der Weg über
pflegerische Tätigkeiten mit direktem Kontakt. Das ist keine schlechte
Nachricht, sondern eine gute: Genau dort können Sie etwas tun.
★☆☆ Stufe 1 – Grundlagen
WARUM AUSGERECHNET IM KRANKENHAUS UND IM PFLEGEHEIM?
Die Frage klingt zunächst paradox. Ausgerechnet dort, wo so viel geputzt, desinfiziert
und kontrolliert wird, stecken sich Menschen an. Dafür gibt es vier nüchterne
Gründe:
- Die Menschen sind geschwächt. Krankheit, hohes Alter,
Mangelernährung oder Medikamente senken die Abwehr. Ein Keim, der einem gesunden
Menschen nichts anhaben kann, findet hier leichtes Spiel. - Es gibt künstliche Eintrittspforten. Katheter, Zugänge,
Sonden und Wunden umgehen die natürliche Barriere der Haut. Sie sind
sozusagen der Dienstboteneingang. - Es gibt viele Kontakte. Pflege, Therapie, Visite, Reinigung, Besuch:
An einem einzigen Tag berühren viele verschiedene Hände denselben Menschen und
dieselben Flächen. - Die Erregerdichte ist höher. Wo viele kranke Menschen auf engem
Raum versorgt werden, sind auch mehr und teils widerstandsfähigere Erreger
unterwegs.
Dieser Kurs ist eine Wiederholung. Sie kennen das meiste schon.
Es geht darum, die Routine wieder scharf zu stellen, denn genau in der Routine
verstecken sich die kleinen Fehler.
ÜBUNG
Frage: Frau Berger wird mit einer Lungenentzündung aufgenommen. Vier Tage später entwickelt sie zusätzlich eine Harnwegsinfektion, nachdem ein Blasenkatheter gelegt wurde. Wie ordnen Sie das ein?
- Eine nosokomiale Infektion entsteht im Zusammenhang mit der Versorgung und
war bei der Aufnahme weder vorhanden noch in der Anbahnung. - Für Deutschland werden 400.000 bis 600.000 Fälle und 10.000 bis
20.000 Todesfälle pro Jahr geschätzt. - Etwa 20 bis 30 Prozent davon gelten als vermeidbar.
- An einem beliebigen Stichtag ist rund jeder zwanzigste stationäre
Patient betroffen. - Die drei häufigsten Infektionsarten hängen alle an
Tätigkeiten mit direktem Kontakt.
WISSENSCHECK
Nosokomiale Infektionen gibt es nur im Krankenhaus,
nicht im Pflegeheim.
Der Begriff stammt zwar vom Krankenhaus ab,
gemeint ist heute aber jede versorgungsassoziierte Infektion. Pflegeheim, Dialyse
und ambulante Versorgung sind ausdrücklich eingeschlossen.
Ein erheblicher Teil der nosokomialen Infektionen gilt
als vermeidbar.
Je nach Studie gelten etwa 20 bis 30 Prozent
als vermeidbar. Das ist genau der Bereich, in dem Händehygiene wirkt.
Die Zahl 400.000 bis 600.000 stammt aus einer
vollständigen bundesweiten Meldestatistik.
Es handelt sich um eine Hochrechnung
beziehungsweise Modellschätzung. Sie gibt eine belastbare
Größenordnung an, aber keine gezählte Jahresbilanz.