Kursinhalt
Modul 1: Warum Hygiene? Die Infektionskette verstehen
Grundlagen: nosokomiale Infektionen, die sechs Glieder der Infektionskette, Übertragungswege und der Grundsatz der Standardhygiene.
0/3
Modul 2: Händehygiene im Mittelpunkt
Die fünf Momente der Händehygiene nach WHO und die Entscheidung zwischen Waschen und Desinfizieren.
0/2
Modul 3: Richtig desinfizieren – Technik und Details
Einreibetechnik und Schwachstellen, Einwirkzeit und Menge, Handschuhe sowie Nägel, Schmuck und Hautschutz.
0/4
Modul 4: Rahmen, Verantwortung und Transfer
Hygieneplan und § 23 IfSG, Compliance im Alltag und die Transferaufgabe für die eigene Schicht.
0/1
Abschluss und Nachschlagen
Glossar, Quellenverzeichnis und der Abschlusstest über alle Module.
0/3
Hygiene mit Schwerpunkt Händehygiene
Lernziel
Sie können erklären, was eine nosokomiale Infektion ist, und die Größenordnung des Problems in Deutschland einordnen.

Ihre Hände sind das wichtigste Werkzeug in der Pflege. Sie waschen, lagern, verbinden,
reichen Essen an und trösten. Und ganz nebenbei sind sie das meistgebuchte Reisebüro
für Keime im ganzen Haus. Was Ihre Hände anfassen, das reisen die Keime gerne mit,
gratis und ohne Gepäckkontrolle.

Bevor wir uns anschauen, wie Sie dieses Reisebüro schließen, klären wir kurz,
worum es überhaupt geht. Denn die Zahlen dahinter sind größer, als die meisten
vermuten.

WAS IST EINE NOSOKOMIALE INFEKTION?

Eine nosokomiale Infektion ist eine Infektion, die im Zusammenhang mit der
medizinischen oder pflegerischen Versorgung entsteht. Der Begriff stammt aus dem Griechischen:
nosokomeion heißt Krankenhaus. Entscheidend ist der zeitliche und sachliche
Zusammenhang: Die Infektion war bei der Aufnahme weder vorhanden noch in der
Anbahnung
. Sie ist also nicht mitgebracht, sondern im Haus entstanden.

Im internationalen Sprachgebrauch spricht man heute meist von
healthcare-associated infection, kurz HAI. Der Grund für die neue
Bezeichnung: Diese Infektionen entstehen längst nicht nur im Krankenhaus. Auch im
Pflegeheim, in der Tagespflege, in der Dialyse und in der ambulanten Versorgung ist das
Thema dasselbe.


SPRACHHINWEIS

Der Begriff Patient steht in diesem Kurs stellvertretend auch für
Bewohner und Klienten. Die Regeln der Händehygiene
gelten in Klinik, Pflegeheim und ambulanter Versorgung gleichermaßen. Ein Keim
interessiert sich nicht dafür, welches Schild an der Eingangstür hängt.

DIE ZAHLEN FÜR DEUTSCHLAND

Das Robert Koch-Institut schätzt für Deutschland rund
400.000 bis 600.000 Fälle pro Jahr, mit etwa
10.000 bis 20.000 Todesfällen. Diese Zahlen stammen aus einer
Hochrechnung, nicht aus einer vollständigen Meldestatistik. Sie geben also eine
Größenordnung an, keine exakte Jahresbilanz.

Die gute Nachricht steht direkt daneben: Je nach Studie gelten etwa
20 bis 30 Prozent dieser Infektionen als vermeidbar. Und das wirksamste
Mittel dagegen halten Sie am Ende Ihrer Arme.

Wie häufig das im Alltag tatsächlich ist, zeigt die europäische
Punktprävalenzerhebung. Dabei wird an einem einzigen Stichtag gezählt,
wie viele Patienten gerade eine Infektion haben. In der deutschen Erhebung von 2022 waren das
4,9 Prozent der erfassten stationären Patienten. Anders gesagt: An einem
beliebigen Tag hat ungefähr jeder zwanzigste Patient im Haus eine
versorgungsassoziierte Infektion.

Häufigste nosokomiale Infektionsarten in Deutschland 2022
Infektionsart Anteil Bezug zur Händehygiene
Postoperative Wundinfektion 23,5 % Verbandwechsel ist eine aseptische Tätigkeit
Infektion der unteren Atemwege 21,6 % Absaugen, Inhalation, Trachealkanülenpflege
Harnwegsinfektion 19,0 % Katheterpflege und Umgang mit dem Ableitungssystem

Auffällig ist: Bei allen drei Häufigsten führt der Weg über
pflegerische Tätigkeiten mit direktem Kontakt. Das ist keine schlechte
Nachricht, sondern eine gute: Genau dort können Sie etwas tun.

★☆☆ Stufe 1 – Grundlagen

WARUM AUSGERECHNET IM KRANKENHAUS UND IM PFLEGEHEIM?

Die Frage klingt zunächst paradox. Ausgerechnet dort, wo so viel geputzt, desinfiziert
und kontrolliert wird, stecken sich Menschen an. Dafür gibt es vier nüchterne
Gründe:

  • Die Menschen sind geschwächt. Krankheit, hohes Alter,
    Mangelernährung oder Medikamente senken die Abwehr. Ein Keim, der einem gesunden
    Menschen nichts anhaben kann, findet hier leichtes Spiel.
  • Es gibt künstliche Eintrittspforten. Katheter, Zugänge,
    Sonden und Wunden umgehen die natürliche Barriere der Haut. Sie sind
    sozusagen der Dienstboteneingang.
  • Es gibt viele Kontakte. Pflege, Therapie, Visite, Reinigung, Besuch:
    An einem einzigen Tag berühren viele verschiedene Hände denselben Menschen und
    dieselben Flächen.
  • Die Erregerdichte ist höher. Wo viele kranke Menschen auf engem
    Raum versorgt werden, sind auch mehr und teils widerstandsfähigere Erreger
    unterwegs.
MERKE

Dieser Kurs ist eine Wiederholung. Sie kennen das meiste schon.
Es geht darum, die Routine wieder scharf zu stellen, denn genau in der Routine
verstecken sich die kleinen Fehler.

ÜBUNG

Frage: Frau Berger wird mit einer Lungenentzündung aufgenommen. Vier Tage später entwickelt sie zusätzlich eine Harnwegsinfektion, nachdem ein Blasenkatheter gelegt wurde. Wie ordnen Sie das ein?




ZUSAMMENFASSUNG
  • Eine nosokomiale Infektion entsteht im Zusammenhang mit der Versorgung und
    war bei der Aufnahme weder vorhanden noch in der Anbahnung.
  • Für Deutschland werden 400.000 bis 600.000 Fälle und 10.000 bis
    20.000 Todesfälle pro Jahr geschätzt.
  • Etwa 20 bis 30 Prozent davon gelten als vermeidbar.
  • An einem beliebigen Stichtag ist rund jeder zwanzigste stationäre
    Patient betroffen.
  • Die drei häufigsten Infektionsarten hängen alle an
    Tätigkeiten mit direktem Kontakt.

WISSENSCHECK

Nosokomiale Infektionen gibt es nur im Krankenhaus,
nicht im Pflegeheim.


Ein erheblicher Teil der nosokomialen Infektionen gilt
als vermeidbar.


Die Zahl 400.000 bis 600.000 stammt aus einer
vollständigen bundesweiten Meldestatistik.


Nach oben scrollen