Damit eine Infektion entsteht, muss einiges zusammenkommen. Ein Erreger allein reicht
nicht. Er braucht einen Ort, an dem er sitzt, einen Weg nach draußen, ein
Transportmittel, eine Tür hinein und am Ende einen Menschen, der sich nicht gut wehren
kann. Erst wenn alle diese Glieder ineinandergreifen, wird aus einem Keim eine Infektion.
Genau darin liegt die zentrale Idee jeder Hygiene: Sie müssen nicht alle Keime
der Welt bekämpfen. Sie müssen die Kette nur an einer einzigen Stelle
durchtrennen.
Händehygiene setzt am Übertragungsweg an, dem schwächsten Glied.
DIE SECHS GLIEDER IM EINZELNEN
- Erreger. Bakterien, Viren oder Pilze. Manche sind harmlose
Mitbewohner, andere machen krank, und einige wechseln je nach Situation die Rolle. - Infektionsquelle. Der Ort, an dem der Erreger sitzt. Das kann ein
Mensch sein, eine Fläche, ein Instrument oder auch eine Waschschüssel. - Austrittspforte. Der Weg nach draußen: Wundsekret, Blut, Stuhl,
Urin, Speichel oder Atemwegssekret. - Übertragungsweg. Die Reise von A nach B. In der Pflege sind das
in den allermeisten Fällen die Hände. - Eintrittspforte. Die Tür hinein: eine Wunde, ein Katheter, eine
Schleimhaut oder auch rissige Haut. - Empfänglicher Wirt. Ein Mensch, dessen Abwehr geschwächt
ist und der dem Erreger wenig entgegenzusetzen hat.
WARUM AUSGERECHNET DER ÜBERTRAGUNGSWEG?
Schauen Sie sich die sechs Glieder noch einmal an und fragen Sie sich, welches davon Sie
im Arbeitsalltag tatsächlich beeinflussen können.
Den Erreger abschaffen? Unmöglich, Mikroorganismen sind
überall. Die Infektionsquelle beseitigen? Die Quelle ist oft der
Patient selbst. Die Austrittspforte schließen? Eine Wunde
heißt nicht auf Kommando. Die Eintrittspforte entfernen? Der Katheter
wird medizinisch gebraucht. Den Wirt stärken? Das dauert Wochen und
gelingt nicht immer.
Bleibt der Übertragungsweg. Und der lässt sich in
fünfzehn Sekunden unterbrechen, mit einem Spender an der Wand. Deshalb ist er das
schwächste Glied der Kette und zugleich Ihr größter Hebel.
Der Übertragungsweg ist das schwächste Glied und
zugleich Ihr größter Hebel. Und dieser Weg heißt in den allermeisten
Fällen: Hand.
★★☆ Stufe 2 – Vertiefung
DIE KETTE IM KOPF MITLAUFEN LASSEN
Die Infektionskette ist kein Prüfungsstoff, den man einmal auswendig lernt und dann
wieder vergisst. Sie ist ein Denkwerkzeug für den Alltag. Wenn Sie sich
fragen, ob eine Maßnahme nötig ist, gehen Sie die Kette gedanklich durch:
- Gibt es hier eine Quelle, an der etwas sitzt?
- Ist gerade ein Weg offen, über den etwas mitreisen könnte?
- Wohin gehe ich als Nächstes, und wer wartet dort auf mich?
Wer so denkt, braucht keine Liste mit hundert Regeln. Die Antwort ergibt sich meistens von
selbst.
FALLBEISPIEL: PFLEGEKRAFT ANNA
Pflegekraft Anna versorgt Herrn Peters an
der frischen Wunde am Unterschenkel. Danach geht sie direkt zu
Frau Wolf ins Nachbarzimmer, um ihr die Brille zu reichen.
Zwischendrin: keine Händedesinfektion.
Die Wunde von Herrn Peters hat damit gerade unfreiwillig eine Reise zu Frau
Wolf gebucht. Und Frau Wolf setzt sich die Brille auf, fasst sich also ins
Gesicht.
Frage zum Mitdenken: Welches
Glied der Infektionskette hätte Anna mit einer Händedesinfektion
durchtrennt – und welche Glieder waren in dieser Szene sonst noch
vorhanden?
ÜBUNG
Aufgabe: Bringen Sie die Glieder der
Infektionskette in die richtige Reihenfolge.
Ziehen Sie die Elemente mit der Maus an die richtige
Stelle. Mit der Tastatur: Element anwählen, dann Alt +
↑ oder ↓.
- Die Infektionskette hat sechs Glieder: Erreger, Infektionsquelle,
Austrittspforte, Übertragungsweg, Eintrittspforte, empfänglicher
Wirt. - Fällt ein Glied weg, bricht die Übertragung ab.
- Der Übertragungsweg ist das Glied, das Sie im Alltag am leichtesten
beeinflussen können. - In der Pflege führt dieser Weg fast immer über die
Hände.
WISSENSCHECK
Es genügt, ein einziges Glied der Infektionskette
zu entfernen, damit keine Übertragung stattfindet.
Genau das ist das Prinzip. Alle Glieder
müssen ineinandergreifen, sonst passiert nichts.
Der empfängliche Wirt ist das Glied, das sich im
Pflegealltag am leichtesten beeinflussen lässt.
Die Abwehrlage eines Menschen lässt
sich kaum kurzfristig ändern. Der Übertragungsweg dagegen lässt
sich in Sekunden unterbrechen.
Eine rissige Hand kann selbst eine Eintrittspforte
sein.
Intakte Haut ist eine Barriere. Ist sie
rissig, wird sie zur Tür – und zwar auch für Sie selbst. Mehr dazu
in Lektion 3.4.